Heft I · Mai 2026
KLANG Magazin für Musikinstrumente, Werkstatt und Praxis
← Heft 08. Mai 2026
Holz · 12 min

Bergfichte, Klimakrise und das Tonholz der Zukunft

Die Bergfichte ist das wichtigste Klangholz des klassischen Instrumentenbaus — und sie steht unter Druck. Über Borkenkäfer, CITES, Pernambuco und die Frage, was eigentlich klingt.

Aufgestapelte Klangholzkeile aus Bergfichte mit sichtbar engen, stehenden Jahresringen, in einem Holzlager fotografiert.
— Aufgestapelte Klangholzkeile aus Bergfichte mit sichtbar engen, stehenden Jahresringen, in einem Holzlager fotografiert. —

Die Fichte, die uns interessiert, wächst nicht überall. Picea abies — die europäische Bergfichte — kommt in den Hochlagen der Alpen, der Karpaten und der bosnisch-slowenischen Dinariden vor, von etwa 1100 Metern Höhe aufwärts bis zur Baumgrenze. Dort steht sie auf armen, oft skelettartig dünnen Böden, in kurzen Vegetationsperioden, unter dem Druck von Wind, Schnee und Kälte. Das Resultat ist ein langsames Wachstum, das im Schnitt zwischen einem halben Millimeter und zwei Millimetern Jahresring pro Jahr liegt. Genau dieses langsame, dichte, weitgehend astfreie Wachstum macht aus dem Holz dieser Bäume das, was im Instrumentenbau seit dem siebzehnten Jahrhundert das bevorzugte Material für Geigendecken, Cellodecken, Klavierresonanzböden, Gitarrendecken und Cembali-Bauteile ist.

Es gibt keinen vergleichbaren Werkstoff. Die Bergfichte hat ein sehr hohes Verhältnis von Elastizitätsmodul zu Dichte — das, was Akustiker:innen als spezifische Steifigkeit bezeichnen. Das bedeutet: Sie ist leicht, und sie überträgt Schwingungen schnell und mit geringer Dämpfung. Diese Kombination ist im pflanzlichen Material extrem selten. Ein Stradivari-Korpus aus dem Jahr 1714 schwingt heute noch, dreihundertzwölf Jahre nach seinem Bau, mit Eigenfrequenzen, die im einstelligen Hertz-Bereich von denen abweichen, die er in seinem ersten Spieljahr gehabt hat. Das Holz, einmal richtig ausgewählt und richtig verbaut, altert akustisch nicht in der Weise, in der die meisten Materialien altern.

Borkenkäfer und das Ende der Vorratsbäume

Diese Geschichte hat in den letzten zwei Jahrzehnten ein Problem bekommen. Der Buchdrucker — Ips typographus — und der Kupferstecher — Pityogenes chalcographus — sind zwei kleine, etwa fünf Millimeter lange Borkenkäfer, die in der Rinde der Fichte ihre Brutgänge anlegen. Sie haben das immer getan, in einer Größenordnung, die der Wald verkraftet hat. Aber seit den Hitzeperioden ab 2015, und besonders nach den Dürresommern 2018, 2019 und 2022, hat sich ihre Population in einer Weise vermehrt, die in der mitteleuropäischen Forstgeschichte kein Vorbild kennt.

Eine geschwächte Fichte, deren Wasserversorgung in einem trockenen Sommer zusammenbricht, kann ihren primären Abwehrmechanismus — das Ausschütten von Harz, das in die Bohrgänge der Käfer fließt und sie ertränkt — nicht mehr aufbringen. Sie wird befallen, und befallene Bäume sterben innerhalb von vier bis sechs Wochen ab. Befallene Bäume bringen aber auch eine neue Käfergeneration hervor, die wiederum die Nachbarbäume angeht. Im bayerischen Wald, in den Vogesen, in Tschechien und Polen sind ganze Fichtenbestände in den letzten fünf Jahren gefallen — Hunderttausende Hektar, mehr als in irgendeinem Zeitraum davor.

Was bedeutet das für den Instrumentenbau? Zunächst etwas Paradoxes: Das Holz auf dem Markt ist erst einmal billiger geworden. Schadholz-Einschlag fluten den Markt, und Bergfichten-Stämme aus Kalamitätsflächen sind gerade jetzt günstig zu haben. Aber dieses Holz ist als Klangholz nur teilweise brauchbar. Das schnelle Anfangswachstum vieler Bestände aus den 1970er und 1980er Jahren, die jetzt geerntet werden müssen, bringt breitere Jahresringe und damit eine geringere spezifische Steifigkeit. Und die langlebigen, langsam gewachsenen Bestände aus den Hochlagen — die eigentlich klangtaugliche Substanz — werden zu Notvorräten, die für die kommenden zwanzig oder dreißig Jahre reichen müssen.

Klangholz aus Slowenien und Bosnien

Eine geographische Verschiebung hat schon stattgefunden. Wer heute als Geigenbauer:in eine erste Wahl Decke kauft, kauft sie selten noch in Bayern oder Österreich; viele der besten Klangholz-Bezugsquellen liegen in den Hochlagen Sloweniens — etwa um den Pohorje oder im Trnovski Gozd — sowie in Bosnien-Herzegowina und in den Karpaten. Diese Wälder sind aus zwei Gründen interessant: Sie liegen genug hoch, um langsames Wachstum zu garantieren, und sie sind im Falle Sloweniens und Bosniens in den letzten Jahrzehnten weniger durch Borkenkäferkalamitäten geprägt als die deutsche und österreichische Mittellage. Es gibt einige spezialisierte Klangholz-Händler, die in diesen Regionen direkt aufkaufen, die Stämme vor Ort spalten lassen und die Keile dann mit eigener Trocknung über vier bis acht Jahre weiterverkaufen.

Das Problem dieser Bezugsquellen ist nicht ihre Substanz, sondern ihre Erschöpfbarkeit. Die slowenischen und bosnischen Hochlagenwälder sind nicht beliebig groß, und der internationale Markt für Klangholz hat sich in den letzten Jahren stark erhöht — chinesische Werkstätten, die auf europäischem Niveau bauen, kaufen mit. Es gibt kein Ende der Bergfichte als Klangholz; aber es gibt eine zunehmende Knappheit, und es gibt einen Preisdruck nach oben, der sich an die Werkstätten weiter unten weitergibt.

Pernambuco, Ebenholz und das CITES-Problem

Während die Fichte das Klangmaterial für Decken und Resonanzböden liefert, gibt es im Instrumentenbau eine zweite Materialfamilie, die noch stärker reguliert ist: die Edelhölzer für Bögen, Griffbretter und Beschläge. Pernambucoholz — Paubrasilia echinata — ist der Rohstoff für hochwertige Streichinstrumentenbögen, und es kommt fast ausschließlich aus einer schmalen Küstenregion im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Die Art steht seit 2007 in Anhang II des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) und ist seit 2022 in Anhang I aufgenommen, was den internationalen Handel mit neuem Material praktisch zum Erliegen gebracht hat. Bestehende Bögen können noch zertifiziert weitergegeben werden, aber Neumaterial wird nicht mehr legal aus Brasilien ausgeführt.

Ähnliches gilt für afrikanisches Ebenholz — Diospyros crassiflora, das klassische Griffbrettmaterial für Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass und einige Gitarrentypen. Es steht in Anhang II CITES, und der legale Handel ist an umfangreiche Genehmigungen gebunden. Die Folge: Geigenbauer:innen suchen nach Alternativen, und einige davon sind klanglich überraschend tragfähig. Heimisches Birnbaumholz, schwarz gefärbt, war im neunzehnten Jahrhundert eine gängige Substitution; sie funktioniert auch heute noch. Bei Bögen experimentieren Bogenmacher:innen mit Carbonfaser-Verbundwerkstoffen, die zwar das Klanggewicht eines Pernambucobogens nur teilweise nachbilden, aber für den professionellen Orchesteralltag zunehmend akzeptiert sind.

Alternative Hölzer in der Forschung

Es gibt seit etwa zwanzig Jahren akustische Untersuchungen zur Frage, ob heimische Hölzer das Klangverhalten der Bergfichte ersetzen könnten. Geprüft wurden — unter anderem — Sitkafichte aus Alaska, Engelmann-Fichte aus den Rocky Mountains, Lutz-Fichte als Kreuzung, Westliche Rotzeder und einige Tannenarten. Die Ergebnisse sind nicht eindeutig: Sitkafichte hat eine sehr ähnliche spezifische Steifigkeit wie die europäische Bergfichte und wird in der amerikanischen Gitarrenbau-Tradition seit Generationen erfolgreich verwendet. Für die Decken von Streichinstrumenten hat sie sich aber nur teilweise durchgesetzt — Geigenbauer:innen berichten von einem etwas spitzeren, weniger warmen Klangcharakter, dessen Ursache nicht eindeutig identifiziert ist.

Interessanter sind Forschungsarbeiten der Empa Dübendorf und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald in der Schweiz, die in den letzten Jahren chemisch-mechanische Vorbehandlungen von Klangholz untersucht haben. Das Verfahren — pilzliche Vorbehandlung durch Physisporinus vitreus, einen Weißfäulepilz — entfernt selektiv Lignin aus dem Holz und reduziert seine Dichte, ohne die Steifigkeit proportional zu schwächen. Das Resultat ist ein Holz mit höherer spezifischer Steifigkeit als die unbehandelte Ausgangsfichte. In Blindhörversuchen wurden Geigen mit pilzbehandelten Decken positiv von vielbeschäftigten Konzertmusiker:innen bewertet. Ob dieses Verfahren handwerklich einsetzbar ist, ist eine andere Frage; bisher arbeiten nur einzelne Werkstätten damit.

Was klingt eigentlich?

Hinter all diesen Materialfragen liegt eine akustische Grundfrage, die im Detail nicht abschließend geklärt ist. Was genau am Klang einer Geigen- oder Cello-Decke macht den Unterschied aus zwischen einem hervorragenden und einem mittelmäßigen Instrument? Es ist nicht allein die spezifische Steifigkeit. Es ist nicht allein die Wölbung oder die Stärke der Platte. Es ist eine Kombination aus mehreren Dutzend Parametern, von denen jeder einzelne nur schwach mit dem Hörbild korreliert.

Das hat eine traurige und eine tröstliche Konsequenz. Traurig: Das beste Klangholz ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung; ein Instrument aus Top-Material kann durch handwerkliche Schwächen mittelmäßig sein. Tröstlich: Wenn das Material erschöpft ist oder rechtlich nicht mehr zur Verfügung steht, sind die Spielräume des Handwerks größer, als die romantische Erzählung vom unersetzlichen Holz suggeriert. Geigenbau ist keine Zauberei mit fixen Zutaten, sondern eine Lernpraxis mit veränderlichen Werkstoffen. Die Werkstätten der nächsten dreißig Jahre werden mit anderen Hölzern arbeiten als die Werkstätten der letzten dreihundert. Das ist nicht das Ende. Es ist eine Aufgabe.


Ressort: Holz §